Bandeau festivals.png
medaille boutique.png
 

ein Film von Stéphan Balay

Vitis

prohibita

Der Film erscheint gleich :-)

 
 
 

Die Rückkehr der resistenten Rebsorten

Auf das Bild klicken, um das Video zu starten

EINE BEISPIELLOSER DOKUMENTARFILM

ÜBER VERBOTENE WEINE

UND RESISTENTE REBSORTEN

Vorstellung

 

 

 

Es könnte eine Legende sein, doch es ist die wahre Geschichte über einen  verordnungsrechtlichen Mordversuch, die Verbannung einer Handvoll deklassierter Rebsorten, über verbotene Weinstöcke, wegen sämtlicher Übel angeklagt, über Weine, denen man nachsagt, schlecht zu schmecken und verrückt zu machen.

Ihr Verbrechen? Sie widerstehen Krankheiten, sind auf natürliche Weise klimatischen Schwankungen angepasst und kommen ohne Pestizide und andere Produkte aus, die im modernen Weinbau omnipräsent sind.

Einer extrem feindseligen Rechtslage trotzend und ungeachtet des schlechten Rufs dieser Rebsorten bauen einige rebellische Landwirte diese verbotenen Sorten weiterhin an, da sie von deren wahrem Wert überzeugt sind.

Das letzte Wort der verbotenen Rebsorten ist noch nicht gesprochen.

Dieser Film taucht nach Frankreich, Italien, Rumänien und in die USA ein mit dem Ziel zu verstehen, warum die Rebsorten eine künftige Lösung für einen verantwortungsvollen Weinbau sind, der Rücksicht auf die Umwelt nimmt, und wie sie in Zukunft Teil des ländlichen Erbes an vielen Orten der Erde sein werden.

2017_03_20_-_VIEILLE_VIGNE_ALÈS_-_DJI_-_
 

Zur Absicht des Regisseurs

 

Da meine Familie Verbindungen zu einem kleinen Dörfchen im Gard im Nationalpark der Cevennen hat, habe ich oft eine Flasche Clinton auf dem Tisch stehen sehen, wenn man mit Freunden aß. Mein Vater, mit seinem leichtem Hang zur Provokation, liebt es, seine Gäste in Staunen zu versetzen, indem er sie von diesem verbotenen Wein kosten lässt, den nur er beschaffen kann. Seit einigen Jahren beginnt dieser „geheime“ Verkauf zu verschwinden, stattdessen wird er Thema von Forderungen. Forderungen gegen vereinheitlichten Geschmack, Forderungen nach einer rücksichtsvollen Landwirtschaft, Forderungen, ein Verbot aufzuheben, das von alten, unbegründeten, ungerechten und überflüssigen Gesetzen auferlegt wurde.

In Okzitanien, aber auch in Italien, Österreich und anderswo bilden sich Vereinigungen, gruppieren sich Aktivisten und machen Lärm. Und das so gut, dass sich heute Bücher, Zeitungsartikel, Fernsehreportagen, Blogs und andere Medienformate für die umfassende Problematik und die damit verbundenen Themen interessieren. Doch soweit ich weiß, wurde bisher kein Film über die verbotenen Rebsorten gedreht, kein Dokumentarfilm, der einen Überblick bietet und den Kern des Themas dokumentiert.

Diesen Film wollte ich drehen, um den Älteren, die die Tradition des Spalierweines fortgeführt und aufrechterhalten haben, den Jungen, die bezüglich der Mittel und wirtschaftlichen Gewinne einen besseren Überblick über das Potenzial dieser Weine haben, sowie den leidenschaftlichen Aktivisten, die diese Pflanzen genau kennen („traditionelle“ Winzer verfügen mitunter trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer beruflichen Ausbildung über weniger Know-How zu diesen speziellen Rebsorten), Gehör zu verschaffen.

In Vorbereitung auf den Film, habe ich schon früh Kontakt zu Menschen aufgenommen, die sehr nah am Thema sind: auf der einen Seite die Alten, die noch immer ihren Wein machen, sowie die jungen, leidenschaftlichen Amateurwinzer, die sich zu Vereinen zusammengeschlossen haben, um die fast vergessenen Rebsorten zu verteidigen, auf der anderen Seite Wissenschaftler und Autoren von Fachbüchern wie Pierre Galet, ein bedeutender Ampelograph aus Montpellier, der sein Leben dem Studium und der Lehre des Weinbaus gewidmet hat und noch heute, im Alter von 96 Jahren, Fachbücher veröffentlicht.

Lac Érie État de New-York USA

Dreharbeiten im USA

Natürlich durfte ich die Heimat dieser hybriden Rebsorten nicht auslassen: die USA und insbesondere den Staat New York. Dort wird nach wie vor eine große Anzahl einheimischer Rebsorten angebaut, aber auch französische Hybridsorten, die zwischen der alten und der neuen Welt hin- und zurückgereist sind. Lucie Morton, renommierte Winzerberaterin und ehemalige Schülerin von Pierre Galet, bezeugt die enge Zusammenarbeit zwischen amerikanischen Forschern und französischen Wissenschaftlern, die nicht nur europäische, sondern auch kalifornische Weinberge gerettet haben, die ebenfalls von der Reblaus befallen waren.

Wenn man sich für die Thematik der verbotenen und resistenten Rebsorten interessiert, stellt man fest, dass dies eine ganze Reihe damit verbundener Themen umfasst:

Allen voran die faszinierende Geschichte, wie diese Rebsorten die Herzen der Botaniker eroberten und nach Frankreich gelangten und letztendlich für die Desaster und Weinkrisen des späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts sorgten. Dies ist eine großartige Lektion über die Anfänge und ersten Auswirkungen der Globalisierung, die uns heute überfordert.

Dann das Szenario eines politischen und juristischen Kampfes, eines David gegen Goliath, der noch nicht abgeschlossen ist.

Aber auch der Blick auf unsere Konsumgesellschaft, deren Weinsektor plötzlich scheinbar vollständig standardisiert ist und von Industriellen gestaltet wird. Eine Geschichte des Geschmacks, die auch weiterhin überrascht und sich weiterentwickelt.

Außerdem die Debatte über Ideen und Zeugnisse für eine Landwirtschaft in besserem Einklang mit den Böden und dem Verbraucher.

Schließlich das gesellschaftliche Porträt einer Region: die Cevennen und ihre proletarischen Bauern, die mit ihren Clintonflaschen in die Minen hinabstiegen, aber auch junge Bauern, die sich für eine andere Bodenbearbeitung einsetzen, für einen anderen Umgang mit Mitteln und der Wirtschaft.

Der Film

 

Der Esprit des Weins

 

Die Cevennen sind eine wilde Landschaft mit einem reichen historischen Erbe, eine Region mit vielen Gesichtern, die an starke klimatische Gegensätze gewöhnt ist, eine Gegend des Widerstands. Die Cevennen waren in der Lage, die verbotenen Rebsorten  trotz allem und ungeachtet der Verbote zu bewahren.

Gilbert Bischeri folgt den Spuren seiner Großeltern. Um sein Haus herum, das im Dörfchen Aujaguet unter der prächtigen Schloss von Aujac liegt, pfleg er liebevoll die Reben an, die seine Vorfahren gepflanzten haben. „Wir befinden uns hier auf dem Gebiet der Rebellen und die Menschen haben ihre Weinberge nicht gerodet. Aber zu dem Zeitpunkt, als sie ihre Weine nicht mehr vermarkten konnten, haben sie sie aufgegeben. Meine Großeltern haben sie nicht verkauft. Das erklärt, weshalb die Reben immer noch da sind.“

Er würde es begrüßen, wenn dieser Kampf darum, das Verbot der sechs Rebsorten aus dem Jahr 1934 aufzuheben, zu einem Ende käme. Ihm geht es vor allem darum, die berühmten Pflanzen Clinton, Isabella, Jacquez, Herbemont, Noah und Othello anzubauen.

Vor etwa zehn Jahren hat Gilbert Bischeri eine neue Pflanze hinzugefügt: einen Weinstock, den er in der Natur gefunden hat, der von selbst gewachsen ist. Auf der Domaine von Vassal in Marseillan, wo das  Nationale Institut für Agronomieforschung INRA die Rebsorten der Welt bewahrt, bestätigte man ihm, dass es sich um eine unbekannte Rebsorte handelt und dass er sie benennen darf. Er tauft sie „Noir-d’aujaguet“.

Die „wilden“ Rebsorten Vitis labrusca sind etwas Besonderes, sie haben einen ausgeprägten Geschmack von Früchten. Ein Geschmack, den man mag oder nicht mag. Die Leute, die Noah tranken, waren an dieses Aroma gewöhnt und empfanden den gewöhnlichen Wein als fad. Die Amerikaner liebten die Concord, eine kräftigere Variation der Isabella.

dégustation par le jury aux rencontres des cépages cévenols

Verkostung durch die Jury beim Treffen der Rebsorten der Cevennen

Die Geschichte des Geschmacks in unserer Zeit ist interessant, weil wir deutlich weniger Wein trinken als früher und der Verbraucher heute nach einem besonderen Aroma sucht. Wenn Freddy Couderc aus Nîmes, Autor des Fachbuches „Die mythischen Weine der Cévenne ardéchoise und des Bas-Vivarais“, sie anderen Leuten wie seinem Freund aus Nîmes, dem ersten Sommelier Frankreichs, oder in Laboren vorstellt, wird er jedes Mal gefragt „Was sind das für Weine? Diese Himbeernoten? Schwarze Johannisbeere, Pflaumen?“

Es stimmt, dass sie außergewöhnliche Aromen haben. Diese Aromen sind erhalten, wenn die Trauben ihre Reife erreichen. Die amerikanische Isabella hat sogar einen so außergewöhnlichen Himbeerduft, dass Tankwagen aus dem Elsass kamen, um die Trauben aus den Cevennen zu holen, um sie zu destillieren und als Himbeerbrand auszugeben.

Doch die Bauern fürchten stets die heftigen Regenfälle, die man hier „épisode cévenol“ nennt. Aus Angst, nicht rechtzeitig mit der Lese fertig zu zu werden, ernten sie häufig die Trauben, bevor die richtig reif sind, wodurch sie nicht die beste Qualität erreichten, was ihnen letztendlich einen schlechten Ruf eingebracht hat.

 

 

 

 

dégustation par le jury aux rencontres des cépages cévenols

Verkostung durch die Jury beim Treffen der Rebsorten der Cevennen

Für Freddy Couderc ist der Clinton mit dem rebellischen Geist der Cevennen verbunden: „Es ist der böse Bube. Es ist so geblieben. Ich war einmal zu einer Antrittsfeier eingeladen,der Unterpräfekt und Polizisten waren anwesend. Auf die Frage, was sie trinken wollten, antworteten sie: ‚Clinton‘. Ich habe sehr gelacht“. Der Clinton ist das Symbol für etwas, was man nicht tun darf und was jeder tut, er ist das Verbotene.

 

Der Fluch

 

Alles begann im 19. Jahrhundert, als sich insbesondere Botaniker und Aristokraten  für den Import exotischer Reben nach Europa interessierten. Der schwedische Naturforscher Carl von Linné nennt die europäische Rebe „Vitis vinifera“, da sie Wein hervorbringt, und die wilde amerikanische Rebe „Vitis labrusca“. Der Botanische Garten von Montpellier nahm sie unter der Leitung von Augustin Pyrame de Candolle in seinen Pflanzenbestand auf und so gelangten einige amerikanische Rebsorten wie Isabella auf unseren Kontinent.

Aber Isabella kommt nicht alleine, sie wird von zwei Parasiten begleitet: dem Mehltau (einem Pilz) und der Reblaus. Ersterer befiel im Jahr 1854 einen Teil der französischen Weinberge (und sorgte für eine Krise mit einer Weinproduktion von nur 10 Millionen Hektolitern), die andere verwüstete in den 1880er Jahren fast alle europäischen Weinberge.

So erreicht die Reblaus, die der Botaniker Jules-Émile Planchon aus Montpellier entdeckt hat, den Teich von Roquemaure auf dem Landsitz von Manissy in Tavel. Alle amerikanischen Krankheiten, auch die in Ganges im Hérault entdeckte Schwarzfäule, sind eine Folge der amerikanischen Reben. Und doch sind Isabella, Clinton und die anderen „kriminellen“ Sorten auch Retter: Man wird sie später als gesunde Unterlage für die Veredelung einsetzen.

 

 

présence du phylloxera en France en 1882

Verbreitung der Reblaus in Frankreich im Jahr 1882

Der Wiederaufbau der Weinberge wird eine Zeit lang dauern. Wein ist knapp und teuer. Lange Zeit hatte man Quantität über Qualität gestellt. Hinter Frankreich liegt eine lange Zeit der Einschränkung: Tausende Tonnen Trauben wurden für die Produktion eines Ersatzweines aus der Türkei importiert. Zu dieser Zeit entwickeln sich gleichzeitig die Branche der Pfropfreben und die Branche der Direktzüchtung. Die Direktträger waren Kreuzungen aus europäischen Reben und amerikanischen Wildreben oder russischen Reben. Eine Zeit lang existierten beide Branchen parallel.

Die Rebsorte Vitis vinifera, die seit Jahrtausenden am Mittelmeer angebaut worden war, war wurzelecht, also nicht veredelt. Nach der Reblausplage und nach vielen kostspieligen wie ertragslosen Bekämpfungsversuchen, fand man eine Lösung zur Rettung der europäischen Reben: Das Aufpropfen dieser Reben auf reblausresistente amerikanische Reben.

 

Die ersten Versuche an amerikanischen Reben führten, in Abhängigkeit vom Boden, zu unterschiedlichen Erfolgen. Heute nutzt man als Pfropfnterlagen Hybride aus amerikanischen und europäischen Reben, die die Reblausresistenz der einen mit der Kalksteintoleranz der anderen kombinieren.

phylloxera
phylloxera

Reblaus

Da die amerikanischen Rebsorten resistent gegen Krankheiten sind, bauten Kleinbauern, die keine Winzer waren, diese pflegeleichten Rebsorten an. Sie produzierten ohne chemische Mittel natürliche Weine, deren Geschmack sie mochten. Die Reben entwickelten sich von selbst und brachten Weine hervor, die nicht zu schlecht sind. Sie sind damit Vorläufer ökologischer Weine.

Doch Weinstöcke, die nicht behandelt werden müssen, werden von den großen Industriekonzern schlecht akzeptiert. Früher hat man die Weinberge nur mit einfachen Mitteln behandelt, wie beispielsweise Kalk. Aber das Auftreten von Reblaus, Mehltau usw. hat eine chemische Industrie ins Leben gerufen, die sehr schnell an Bedeutung gewann. Es war ein Schock für die Industriellen, zu sehen, dass die neuen Reben kaum unter Krankheiten leiden und man sie nicht behandeln muss. Das ist unzulässig! Das muss weg! Sie müssten weiterhin in der Lage sein, ihre Chemikalien zu verkaufen!

Viele Winzer, die pleite gegangen waren, gingen in die französischen Departements Algeriens, um neue Weinberge anzulegen. Mit der Expansion der Pflanzenschutzmittel überstieg die Produktion im Jahr 1934 in Frankreich zusammen mit den französischen Departements Algeriens und den vorhandenen Beständen 100 Millionen Hektoliter. Die Regierung will daher den Markt aufräumen.

Der Landwirtschaftsminister Emile Cassez schlägt vor, bestimmte Rebsorten zu beseitigen. Die Abstimmung findet am 24. Dezember, Heiligabend, statt, was heißt, dass die Mitglieder schnell nach Hause wollen ... Zuerst wird Isabella ausgewählt, danach alle Kreuzungen von amerikanischen Reben: Noah, Othello und Clinton. Die Abstimmung bestätigt die Meinung von Freddy Couderc: „Der Druck der Chemieunternehmen war real, denn die Sorte Aramon, die eine sehr hohen Ertrag bringt, aber viele chemische Behandlungen benötigt, wurde nicht verboten.“ Und zur Unterstützung ihrer Entscheidungen behaupten die Europaabgeordneten, dass Weine, die aus diesen Rebsorten gewonnen werden, „verrückt und blind“ machen. Ihre Methanolproduktion sei zu hoch. Ob Legende, Gerücht oder Wahrheit, wie dem auch sei, sie werden verboten.

Zwei Rebsorten kommen durch politische Machenschaften hinzu: Die Sorte Jacquez, die im Departement des Präsidenten Edouard Daladier sehr präsent ist, und  die Sorte Herbemont, die von der Opposition hinzugefügt wurde, um dem Innenminister aus Toulouse eins auszuwischen.

 

 

 

 

arrachez vos cépages prohibés

Mitteilung des Staats auf Löschpapier

Die Franzosen müssen ihre Produktion freiwillig und eidesstattlich deklarieren und die verbotenen Rebsorten roden. Im Jahr 1934 wurden schätzungsweise 3 Millionen Hektoliter Wein von verbotenen Rebsorten produziert, das entspricht 60.000 Hektar, im Jahr 1938 mehr als 2 Millionen Hektoliter und im Jahr 1945 ca. 220.000 Hektoliter.

Die Politiker beglückwünschen sich zu ihrem Erfolg und dem Gutglauben der Franzosen ... bis zum Kataster im Jahr 1953. Das schockierende Ergebnis:

Mehr als 60.000 Hektar verbotener Rebsorten werden gezählt. Seit 1934 wurde nichts gerodet! In Wirklichkeit wurden die verbotenen Weine, neben dem Eigenbedarf während der Zeit der Besatzung auf dem Schwarzmarkt verkauft, da Essen und Trinken in dieser Zeit der Restriktion wesentlich war.

In den frühen 1960er Jahren versucht ein gewisser Valery Giscard d'Estaing, Finanzminister, mit einer Prämie von 150.000 Francs (22.000 €) einen Anreiz für die Rodung zu schaffen. Doch sein Finanzinspektor sorgt mit einer Veröffentlichung für Zündstoff, in der er Bauern mit Sanktionen droht, und den Rebsorten, die er als „Relikte der Vergangenheit“ bezeichnet, vorwirft, schlechten Wein zu produzieren. Katholische Mönche lehnen sich dagegen auf und sehen darin einen Angriff der Regierung auf die Kirche und weigern sich gegen die Rodung.

Schlimmer noch: Sie zünden das Auto des Regionalbeauftragten des Institut des Vins de Consommation Courante an und entführen ihn. Per Telefon wird der Präfekt aufgefordert, dass der Senator die Gegend verlassen muss, wenn man ihn lebend wiedersehen will! Er wird schließlich freigelassen. Später entscheidet er sich für die weniger riskante Stelle des Sommeliers im Restaurant Tour d'Argent. Letztendlich erhöht Valéry Giscard d'Estaing die Geldbuße auf 300.000 Francs (45.000 €), und die Mehrheit der verbotenen Rebsorten wird gerodet ... zumindest fast.

 

Anderswo

Obwohl das Verbot seinen Ursprung in Frankreich hat, hat die Europäische Union die Restriktionen auf alle Mitgliedstaaten ausgeweitet. Für Italien, Österreich und andere Weinanbauländer gelten die gleichen Beschränkungen.

Auch Rumänien hat sich mit dem Beitritt zur Europäischen Union im Jahr 2007 verpflichtet, auf Rebsorten zu verzichten, die nicht zur Art Vitis vinifera gehören oder nicht von Kreuzungen mit der Vitis vinifera abstammen. So verliert die Hälfte der Weinberge Rumäniens das Recht zur Kommerzialisierung ihrer Weine, eine hohe Einbuße an Potenzial für dieses Land, das vor einer echten Abwanderungswelle seiner Bevölkerung auf der Suche nach einem besseren Leben in anderen Ländern der Europäischen Union steht.

In Österreich hat man einen Weg gefunden, die Gesetzgebung zu umgehen. Die Weine aus verbotenen Sorten werden als „Obstweine“ bezeichnet. Ein Schnippchen, das sich bis heute gehalten hat.

In Italien findet man viel Clinton in der Region Treviso. Trotz der gesetzlichen Toleranz der Produktion für den Eigenbedarf kämpft der italienische Clinton mit einer wirklichen Tabuisierung vor allem bei Dorffesten, die diese Rebsorte feiern und deshalb von den Behörden eingeschränkt werden.

In den USA wurden diese Rebsorten, abgesehen von Zeit der Prohibition, die alle alkoholischen Getränke betraf, immer angebaut und konsumiert. Sie sind besonders gut an die Böden und das Klima bestimmter Regionen angepasst, was bei den Vinifera-Sorten weitaus weniger der Fall ist. Im Bundesstaat New York befindet sich der „Concord Belt“, das weltweit größte Anbaugebiet der Sorte Concord. Sie ist hier ein Schwergewicht in Bezug auf Beschäftigung und Wirtschaft.

 

Heute

Das Verbot, das alle 3 Jahre neu bewertet werden sollte, existiert heute, 80 Jahre später, immer noch. Doch auf dem Markt von Vans in der Ardèche wird der Wein verkauft, bei allen offiziellen Empfängen der zwei Täler trinkt man Clinton, man stellt sogar einen Schnaps aus Clinton her, den Carthagène de Clinton. Jeder weiß davon und keiner hat ein Problem damit.

Inzwischen fordern die Verbände eine Revision des Verbots, sodass man wieder mit dem Anbau dieser verbotenen Rebsorten beginnen kann. Doch gibt in der Kultur und im Geschmack der Franzosen überhaupt Platz für diese Weine?

Freddy Couderc ist der Meinung, dass die Geschichte der Beziehung zum Wein etwas Besonderes ist. Zur Zeit der Reblausplage hatte Wein dieselbe Bedeutung wie Essen. Ein Minenarbeiter trank am Tag 5 bis 7 Liter Wein. Er gab dem Mann die Kraft zum Arbeiten. Heute kennen wir nur Genusswein. Und genau bei diesen Weinen, die man zum Vergnügen trinkt, haben diese Rebsorten einen großartigen Platz.

Für Hervé Garnier hat sich die Mentalität sowohl der Winzer als auch der Öffentlichkeit weitgehend verändert. Heute findet man immer mehr sogenannter „natürlicher“ Weine, man treibt es sogar immer weiter und fängt an, beim Haltbarmachen des Weines auf Sulfite zu verzichten. Das ist möglich, etwas schwieriger, und es können Weine entstehen, die ein wenig eigenartig sind, aber wir sie finden beim Großteil der Weinhändler. Natürlicher Wein erlebt eine Expansion und das ist der Beginn einer Entwicklung, die nich abbrechen sollte.

Die Menge verwendeter Pflanzenschutzmittel ist enorm, es passiert inzwsichen, dass Moleküle in das Innere der Pflanzen eindringen. Dies stellt uns vor echte gesundheitliche Probleme. Es ist auf lange Zeit nicht möglich, alle Böden unbegrenzt mit irgendwelchen Produkten zu behandeln. Die Zukunft gehört den Rebstöcken, die von Natur aus eine bessere Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten aufweisen. 

Isabella ist inzwischen die wichtigste Rebsorte in Indien, sie heißt dort Bangalore. Sie ist ebenso in Georgien, Uruguay, Kolumbien und Brasilien zu finden. Sie hält Temperaturen von bis zu -30 °C stand, beispielsweise in Korea. In Italien stellt man aus ihr Parfüm her. In Kanada findet man die Concord, die ebenfalls sehr kältebeständig ist. Die Vitis vinifera überlebt dort nicht, sie stirbt. In Brasilien baut man unter anderem Herbemont an. Jacquez ist in Texas die wichtigste Rebsorte für Brandy, den man zum Dessert oder mit einer Zigarre trinkt. Weshalb diese Erneuerungen? Aus demselben Grund, aus dem sie im neunzehnten Jahrhundert in Frankreich populär waren: Ihre Widerstandsfähigkeit.

Der Fluch scheint also vorüber zu sein, die Verbannten kehren allmählich zurück. Dies gibt der Verein Fruits Oubliés (Vergessene Früchte) trotz widersprüchlichen Vorschriften  zu verstehen. Zwar wurde französische Erlass von 1934, der diese Rebsorten verboten hat, am 6. September 2003 aufgehoben, auf europäischer Ebene bleibt das Verbot jedoch bestehen: Theoretisch lässt die allgemeine Verordnung seit 1999 Kreuzungen der Vitis vinifera mit  anderen Arten der Gattung Vitis, wie Jacquez, Herbemont (Vitis labrusca) zu. Prinzipiell ist alles möglich. Doch leider gibt es den Zusatz: „mit Ausnahme der 1934 verbotenen Sorten.“ Eine Begründung fehlt.

Der Verein Fruits Oubliés organisierte am 26. April 2016 in Brüssel eine Verkostung von verbotener Weinen aus unterschiedlichen Ländern mit den beiden Europaabgeordneten Eric Andrieu und José Bové und dem Präsidenten der Landwirtschaftskommission des Europäischen Parlaments (dem Polen Czeslaw Adam Siekierski), sowie Klaus Rapf (Arche Noah, Österreich) und Franco Zambon (Italien). Nach der Verkostung sicherten die Politiker noch tatkräftigere Unterstützung zu.

José Bové

José Bové (links)

Die Aktivisten versuchen, mit dem Gerücht, dass diese Rebsorten verrückt machten, aufzuräumen. Hervé Garnier vom Verein Mémoire de la Vigne bewirtschaftet einen hundertjährigen Weinberg mit der Sorte Jacquez. Nur die Mitglieder dieses Vereins dürfen diesen Wein genießen. Sind sie verrückt geworden? „Wir haben den Wein genau untersuchen lassen und das Ergebnis der Analyse ist sehr einfach: ‚Nichts gefährliches in Ihrem Wein, bis auf wenige Moleküle eines Unkrautvernichters,’ die der vorherige Besitzer eingesetzt hat.“ Gilbert Bischeri hat seinerseits die Abschlussarbeit einer Pharmaziestudentin mit dem Titel  „Noah – der Wein, der verrückt macht“ aufgehoben, in dem sie das Gegenteil beweist.

Ebenso kam eine vom Regionalen Naturparks Monts d'Ardèche in Auftrag gegebene Studie zu dem Schluss, dass „der Wein, der aus Jacquez gewonnen wird, einen Methanolgehalt hat, der mit demjenigen von Weinen aus Merlot, Cabernet, Syrah oder Sauvignon vergleichbar ist, er ist daher keinesfalls gesundheitsgefährdender, im Gegenteil, sein Resveratrol-Gehalt ist sehr hoch.“ Und Resveratrol ist gut für die Gesundheit ...

2016 09 04 - CHATEAU DE PORTES - GH4.02_

Treffen der Rebsorten der Cevennen

 

Morgen

Am 12. April 2016 wurden die Aktivisten des Vereins Les Fruits Oubliés im Landwirtschaftsministerium empfangen. In der Diskussion hat der Vertreter des Ministers erklärt, dass es bei diesen Rebsorten fast keine Probleme mehr gab (insbesondere im Gesundheitsbereich) und dass die Bestimmungen den Anbau zuließen. Er gab auch an, dass man die Beschwerden beantworten werde, was jedoch geschah. So wurden die bei diesem Treffen festgelegten Bestimmungen ohne das Dokument und in Übereinstimmung mit den geltenden Rechtsvorschriften (die der Verwaltung eine Frist von zwei Monaten zur Beantwortung einräumt) rechtskräftig.

Damit wäre ein Kampf gewonnen: der Kampf dafür, sich im Bereich der traditionellen Kultur keine die Sorgen mehr machen zu müssen, Pflanzen der verbotene Rebsorten anzubauen, zu kultivieren, zu veräußern und Produkte dieser Rebstöcke zu verbrauchen, anzubieten und zu verkaufen, ohne strafrechtliche Verfolgungen fürchten zu müssen.

Doch während die jungen Winzer bereit sind, ihre Weine aus diesen Rebsorten zu vermarkten, bleiben die Vorschriften zweideutig. Zwar wurden die Gesetze geändert, aber einige Beschränkungen bleiben bestehen: So dürfen Behörden und öffentliche Organisationen Pflanzgenehmigungen und Beihilfen verweigern. Anträge auf den Anbau verbotener Rebsorten werden abgelehnt. Zwar gibt es Verfahren, um die Ansprüche durchzusetzen, doch die Auswirkungen des Verbots behindern den uneingeschränkten Anbau weiterhin.

Doch nach und nach scheint der Kampf Früchte zu tragen, und er geht weiter: In der Lokalpresse werden Gerichte abgedruckt, zu denen man verbotene Weine trinkt, und ein internationales Treffen der verbotenen Rebsorten ist in Planung.

Die leidenschaftlichen Widerstandskämpfer geben die Hoffnung nicht auf und wissen, dass Clinton, Isabella, Jacquez, Othello, Herbemont und Noah sich auf den Tischen bald bald weder schämen noch verstecken müssen.

Neue resistente Rebsorten für den einen Weinbau ohne Pestizide

Da sie die Grenzen des traditionellen ökologischen Landbaus kannten, haben François und Vincent PUGIBET von der Domaine La Colombette in Béziers ihren eigenen Weg eingeschlagen, nämlich den der resistenten Rebsorten. Diese neuen Sorten gehen die aus mehrfachen Kreuzungen zwischen traditionellen Sorten und rustikaleren oder wilderen Reben hervor. Sie sind von Natur aus resistent gegen Mehltau. In einem so angelegten Weinberg sind keine Pestizide mehr nötig.

 

Nach mehreren Jahren des Experimentierens ist die Utopie Realität geworden. Mehrere Dutzend Hektar der Domaine, auf denen die neuen Hybrid-Sorten angebaut werden, wurden seit sechs Jahren nicht Pestiziden behandelt: kein Schwefel, kein Kupfer, keine Wundermittelchen. NICHTS!

 

​Winzer aus allen Regionen Frankreichs, die sich mit dem Anbau resistenter Rebsorten befassen, haben den Verein PIWI France gegründet. Außer dem Erfahrungsaustausch, der Förderung der Weine und der Weiterbildung wollen sie auch Einfluss auf behördliche Entscheidungen zu nehmen. Um diese Ziele auszuweiten, ist der Verein selbstverständlich mit PIWI international verbunden, der erfolgreich in anderen europäischen Ländern, insbesondere in Deutschland und Österreich, agiert.

 

Französische Verordnung im Jahr 2020

Klassifizierung registrierter Rebsorten in Frankreich

Damit sich eine Rebsorte für die kommerzielle Produktion und Verteilung qualifizieren kann, muss sie zwei Bedingungen erfüllen: Sie muss in den offiziellen Katalog aufgenommen und dort als Weinrebsorte eingestuft werden.

Die erste endgültige Klassifizierung resistenter Rebsorten erfolgte Anfang 2017. Einige Sorten profitieren jedoch nur von einer vorübergehenden Klassifizierung, auch wenn sie in ihrem Herkunftsland offiziell zugelassen sind. Es ist dann möglich, Versuchsflächen auf begrenzten Flächen anzupflanzen.


Sind diese neuen Rebsorten zur Verwendung in AOC-Weinen (Controlled Appellation) zugelassen?

Derzeit lautet die Antwort eindeutig nein. Damit eine Rebsorte in die Spezifikationen eines AOC aufgenommen werden kann, ist es normalerweise erforderlich, zusätzlich zu ihrer Registrierung und Einstufung in den Katalog eine Datei für die Änderung der Spezifikationen beim INAO (National Institute of Herkunft und Qualität). Jeder wesentlichen Änderung der Spezifikationen müssen Studien und Versuche vorausgehen.

Die betreffende Rebsorte muss zehn Jahre lang in der AOC-Zone getestet werden, bevor sie als zusätzliche Rebsorte mit einem Anteil an den Mischungen von höchstens 10% aufgenommen werden kann. Eine neue Einführung kann nur erfolgen, wenn die Typizität des AOC und seine Verbindung zum Terroir beibehalten oder bekräftigt werden.

Es gibt jedoch eine gesetzliche Bremse für die Ankunft resistenter Rebsorten in AOP (Protected Designation of Origin): Europäische Vorschriften verbieten die Aufnahme von Sorten, die aus interspezifischen Kreuzungen resultieren (EU-Verordnung 1308/2013), was bei resistenten Rebsorten der Fall ist (erhalten durch Kreuzung zwischen Vitis vinifera und anderen Arten). Hinweis: Dies gilt nicht für geschützte geografische Angaben, bei denen Rebsorten, die aus interspezifischen Kreuzungen resultieren, in ihre Spezifikationen aufgenommen werden können.

source : www.observatoire-cepages-resistants.fr

In Frankreich zugelassene resistente Rebsorten (insgesamt 35)

  • 4 entwickelt vom INRA Resdur 1-Programm: Vidoc (S), Artaban (S), Floréal (W), Voltis (W).

  • 13 in anderen Ländern entwickelt:  Bronner (W), Cabernet Blanc (W), Cabernet Cortis (S), Johanniter (W), Monarch (S), Muscaris (W), Pinotin (S), Prior (S), Saphira (W), Sauvignac (W), Solaris (W), Soreli (W), Souvignier Gris (R).

  • 18 alte französisch-amerikanische Hybriden  Baco Blanc (W), Chambourcin (S), Colobel (S), Couderc Noir (S), Florental (S), Garonnet (S), Landal (S), Léon Millot (S), Maréchal Foch (S), Oberlin Noir (S), Plantet (S), Ravat Blanc (W), Rayon d’Or (W), Rubilande (R), Valérien (W), Varousset (S), Villard Blanc (W), Villard Noir (S).

CONTINUITÉ_-_2016_10_08_et_09_-_VENDANGE

Der Verein Fruits Oubliés Réseau

(Netzwerk vergessener Früchte)

und IGP Vins des Cévennes

unterstützen diesen Film.

© Lumière du Jour 2018 - 2021

quiz
Laden
newsletter
phylloxera